Interview

Während meines letzten kommerziellen Projektes habe ich jemanden kennengelernt, der mir viel zum Thema Selbstständigkeit erzählen konnte. Da es  sehr gut zu meinem „Projekt – Marketing“ passt, habe ich ihn um ein Interview gebeten. Hier ist es:

Interviewpartner ist:
img_0049Thomas Lachtrup, langjährig Selbstständiger in der Automotive Branche, sowie auch in anderen Branchen. Auf seiner Homepage  stellt er sein Portfolio kurz vor. Als Mitbegründer der Genossenschaft „Elektronik & Informatik Ostwestfalen Lippe“ arbeitet er mit Kollegen zusammen.

Das Foto wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Jürgen: Hallo Thomas, wie bist Du auf „embedded Software“ gekommen ?

Thomas: Ich habe Elektrotechnik studiert und neben dem Studium als Programmierer gearbeitet. Also war es folgerichtig die beiden Disziplinen Informatik und Elektronik zu kombinieren und embedded Software zu programmieren. Zu dem damaligen Zeitpunkt gab es wenige Elektrotechniker mit entsprechendem Informatik Kenntnissen. Somit war es kein Problem dort eine Beschäftigung zu finden.

Jürgen: Hast Du Dich direkt selbstständig gemacht, oder war da vorher eine Art von „Festanstellung“ ?

Thomas: Schon zu Abi Zeiten habe ich selbständig gearbeitet. Um nebenbei Geld zu verdienen, Tennisschläger besaitet und als Springer Zeitungen verteilt. Springer mussten damals Bezirke austeilen, wo der eigentliche Zusteller durch Urlaub oder Krankheit verhindert war, oder wo einfach niemand gefunden wurde, der den Job machen wollte. Auch neben dem Studium wollte ich Geld verdienen und habe zunächst Computer zusammengebaut, Netzwerke mit Novell und Windows administriert und schließlich Windows Software für Handwerker oder Makler programmiert. Zwischenzeitlich war ich 2 Jahre bei einem Automobilzulieferer angestellt. Das kam dadurch, weil ich wieder mehr Software entwickeln wollte, die Bezug zur Elektrotechnik hatte, also
embedded Software. Inzwischen bin ich 14 Jahre wieder selbständig.

Jürgen: Was hat Dich zur Selbstständigkeit motiviert ?

Thomas: Meine Motivation zu Beginn war sicherlich einen andere als die Situation heute. Rückblickend habe ich einfach die selbständigen Tätigkeiten neben meinem Studium anschließend nahtlos weitergeführt. Hat gut geklappt und somit gab es ja keinen Grund etwas zu ändern. Heute mag ich die Abwechslung. Auch wenn es immer anstrengend ist sich in neuen Branchen, Firmen oder Abteilungen zurecht zu finden. So lerne ich auch heute noch sehr viel neue Technologien oder Leute kennen. Es ist mit Sicherheit kein Langweiliger Job. Und neben den Projekten muss ich mich noch um Akquise, Personal und Betriebswirtschaftliche Belange kümmern.

Jürgen: Wie lange bist Du bereits selbstständig ?

Thomas: Vor 30 Jahren: Selbständig als Tennisschläger Besaitungsservice und Springer als Zeitungszusteller.
Vor 23 Jahren: Selbständig im Computer Vertrieb, Administration von Novell und Windows Netzwerken und Windows Programmierung
Vor 17 Jahren: Festanstellung als embedded Entwickler
Vor 14 Jahren: Selbständig als embedded Entwickler

Jürgen: Wie ist Deine Erfahrung mit der Selbstständigkeit, kannst Du diesen Schritt weiterempfehlen ? Wenn ja, an wen, ansonsten warum nicht ?

Thomas: Die Erfahrungen aus meinen früheren selbständigen Tätigkeiten als Tennisschläger Service und Zeitungszusteller haben mir sehr weitergeholfen. Speziell der Umgang mit dem Kunden und die Betriebswirtschaftlichen Aspekte.
Heute bin ich nebenbei als Gründungscoach unterwegs und habe ca. 10 Personen beim Aufbau eines selbständigen Unternehmens begleitet. Jedes dieser Unternehmen benötigte eine eigenständige Strategie da die Voraussetzungen jedes mal anders waren. Die Beweggründe derer die ich gecoacht habe waren größtenteils Unzufriedenheit in ihrer damals aktuellen Lage. Meistens begründet dadurch, dass deren alte Firma zu gemacht hat oder am Schlingern war. Von ganz alleine wären die wenigsten auf die Idee gekommen ein Unternehmen zu gründen. Ich habe Aussagen gehört wie: „In meinem alten Unternehmen bin ich auch nicht sicher vor der Arbeitslosigkeit, deshalb probiere ich mal was anderes“.
Die Voraussetzung für den Erfolg ist natürlich, dass der Kandidat in dem Bereich, wo er sich selbständig macht, überdurchschnittlich gut ausgebildet ist. Sollte das nicht der Fall sein wird es schwierig, aber nicht unmöglich. Dann wäre es möglich die ersten Schritte über Personalvermittler zu gehen und als Junior Consulter erst mal genug Erfahrung in Projekten zu sammeln und mit einem geringeren Stundensatz anzufangen.
Fazit: Im Bereich der Softwareentwicklung ist es Verhältnismäßig leicht ein notwendiges Einkommen zu generieren. Wobei die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Erst wenn das Unternehmen mit Mitarbeitern ergänzt wird können sich für den Unternehmer überdurchschnittliche Verdienstmöglichkeiten ergeben. Leider steigt damit das Risiko zu scheitern enorm.
Allgemein schätze ich die Chancen auch heute noch sehr gut ein. Im Vergleich zu meinen Anfängen ist es allerdings schwieriger geworden. Ich hatte zunächst einen Kundenstamm, den ich direkt bedient habe. Das geht heute nicht mehr so einfach. Viele größere Unternehmen setzen bei der Besetzung ihrer externen Stellen auf Personalvermittler und aufgrund der Debatte über Scheinselbständigkeit werden verstärkt ANÜs (Arbeitnehmerüberlassung) eingesetzt. Zusätzlich wird der Kuchen dadurch verkleinert, dass viele Firmen sich Software im Ausland erstellen lassen. Die Personalvermittler und der Offshore Wettbewerb mit Tschechien oder Indien drückt auf den Stundensatz.
Ob ich den Schritt weiterempfehlen kann? Da muss ich mal wieder etwas ausholen.
Ich kenne eigentlich nur 2 Arten von Gründern:

1. Unruhige Gesellen, die immer wieder neue Ideen haben und auch keine Probleme mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.
2. Absolute fachliche Experten mit Schwierigkeiten auf andere Personen zu zugehen, also eher introvertiert auftreten.
Ersteren empfehle ich es auszuprobieren, da diese Kandidaten eh nicht zufrieden sind, wenn sie es nicht wenigstens versucht haben.
Zweiteren empfehle ich sich anderen Partnern anzuschließen, die das Marketing übernehmen können.

Jetzt wird es persönlich! Ich gebe meine Gefühlslage Preis.
Auch wenn es verdammt noch mal einfachere Möglichkeiten gibt seine Familie zu ernähren, ich würde es wieder genau so machen wollen! Ich bin immer jemand gewesen, den der schwierigere Weg gereizt hat. Wenn es beim Skifahren an der Gabelung auf die rote oder die schwarze Piste geht, dann habe ich immer die schwarze gewählt (oder die noch schwierigere Tourenabfahrt durch den Tiefschnee:-). Ich habe immer alles Ausprobiert, bin aber sicherlich kein Draufgänger, sondern habe immer überlegt gehandelt. Wenn es einmal nicht so lief, dann wird sich kurz geschüttelt und weiter geht es. Aus jeder Situation habe ich gelernt und mich weiterentwickelt. Ein Ende ist auch immer eine neue Chance. Mit der Einstellung kann es gar nicht schiefgehen, oder?

Jürgen: Gibt es etwas, was Du jemandem, der sich selbstständig machen will, besonders empfehlen kannst ?

Thomas: Oh ja, viel sogar! (Wäre ja auch schlimm, wenn ich das als Gründungscoach nicht könnte)

Hier meine Top 6:

1. Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit
Sollte natürlich bei jedem Menschen das Maß aller Dinge sein. In
Notsituationen weichen andere schon mal diese Regeln auf. Kommt für mich absolut nicht in Frage! Und damit fahre ich sehr gut. Die meisten meiner Aufträge sind Folgeaufträge, weil die Kunden sich auf mich verlassen können. Und ganz wichtig: Ehrlich zu sich selbst sein!

2. Auszeiten nehmen
In jungen Jahren macht es noch nichts aus 7 Tage die Woche und 20 Stunden am Tag für das Unternehmen zu arbeiten. Die Folgen werden erst später deutlich und die Frustration steigt mit den Jahren. Also besser einen Langstreckenlauf planen, als einen Sprint. Der junge Unternehmer muss lernen komplett abzuschalten. Er muss mit sich selbst vereinbaren, dass er temporär komplett aussteigt, also gar nicht mehr zu erreichen ist.

3. Hilfe suchen
Ich habe festgestellt, das es viele Unternehmer gibt, die Ihre Erfahrung gerne weitergeben, wenn es die Zeit zulässt. Also sucht und findet diese Leute und quetscht sie aus. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaften können solche Kontakte knüpfen. Die Wirtschaftsförderer, Uni oder IHK laden oft Gründer ein, die ihre Erfahrungen vortragen. Das fand ich immer sehr spannend. Achtung: Entscheiden und Verantworten müsst ihr selbst!

4. Konten im Blick halten
Auch ohne Betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) wusste ich eigentlich immer wie voll oder wie leer die Kasse ist. So gab es Zeiten wo ich weniger investieren oder ausgeben konnte und Zeiten in denen es besser lief. Zur Sicherheit habe ich aber eine Software die mir genau sagt was ich auf dem Konto habe.

5. Risikobereitschaft festlegen
Als Empfehlung gebe ich, für sich selbst zu klären wie Risikobereit man selbst ist. Da gibt es Kandidaten, die alles auf eine Karte setzen oder welche, die das Risiko im Griff behalten möchten. Erstere gehen große finanzielle Risiken ein, mit der Aussicht so schneller vorwärts zu kommen. Irgendwann benötigen diese meist zusätzliches Kapital, welches sie gegen Sicherheiten von Banken auch  bekommen. Die weniger Risikobereiten Gründer bauen parallel zu einer Festanstellung etwas auf und warten den Zeitpunkt ab bis sich eine gute Gelegenheit für den nächsten Schritt bietet.

6. Flexibel bleiben
Die Uhr dreht sich weiter. Märkte die gestern funktioniert haben können morgen schon geschlossen sein. Also immer die Augen auf um diese Strömungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen.

Jürgen: Gibt es etwas, was man auf keinen Fall tun sollte ?

Thomas: Niemals die Handlungsmöglichkeiten aus der Hand geben. Denn dann ist es keine selbständige Tätigkeit mehr. Auch wenn man mit Partnern arbeitet nur die Kompromisse eingehen, die man selbst auch akzeptieren kann. Ich denke jeder kann gut damit klarkommen, wenn er Fehler macht und dazu stehen kann.
Schlecht ist immer, wenn andere die Fehler machen und man selbst dabei nur zuschauen kann aber trotzdem die Verantwortung übernehmen soll.

Jürgen: Ich bedanke mich sehr für dieses Interview.

Veröffentlicht von

Jürgen

Ich bin Software Ingenieur und habe meine Schwerpunkte in allen Aktivitäten, die zur Software Entwicklung gehören. Am längsten bin ich als Software Entwickler von Embedded Software in C tätig.

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